Auszüge aus dem Corona-Tagebuch

März 2020: Die Schweiz geht in den „Lockdown“. Ich beginne auf Facebook ein Corona-Tagebuch mit Kleinkind: „Wir sind mit dem Piratenschiff (umgebautes Kinderbett) um die Welt gesegelt, haben Holzfische gefangen und mit dem WC-Rollen-Fernrohr Papier-Schiffe gesichtet. Wohin uns alle diese Reise führen wird? Das weiss wohl niemand. Aber wir gehen sie gemeinsam.“

Der Bundesrat kündigt rasche Hilfe an. Viele erhalten erstaunlich unkompliziert Unterstützung, andere müssen Druck machen. An Strassenlaternen hängen Zetteln: „Liebe ältere Nachbarn. Bleiben Sie zuhause, wir gehen für sie einkaufen.“  

April: Menschen stehen auf dem Balkon und klatschen für das Gesundheitspersonal. Fast 1.8 Millionen Menschen beziehen Kurzarbeitsentschädigung vom Staat.

Mai: Genug geholfen. Der Bundesrat streicht per Ende Monat die Unterstützung für Selbstständige und Geschäftsinhaber*innen und zieht ihnen den Boden unter den Füssen weg. Menschen stehen stundenlang Schlange für kostenlose Teigwaren. Doch ein bescheidener Kreditantrag zur Armutsbekämpfung findet im Parlament keine Mehrheit.

Juni: Economiesuisse beschliesst, dass die Pandemie zu Ende ist. Der Bundesrat folgt und kündigt Lockerungsschritte an. Tausende Selbstständige wissen weiterhin nicht, wie sie ihre Mieten zahlen sollen. Sie erheben ihre Stimme.

Juli: Corona verabschiedet sich in die Sommerpause. Leben und Leichtigkeit.

August: Im Entwurf zum Covid-Gesetz, das uns durch eine zweite Welle tragen soll, sieht der Bundesrat nahezu keine wirtschaftliche Existenzsicherung vor.

September: Die Betroffenen werden wieder laut. Es gelingt uns, minimalste Hilfe im Gesetz zu verankern. Zusammenstehen zahlt sich aus.

Oktober: Die Fallzahlen steigen explosionsartig an. Und damit auch die Verunsicherung, was noch alles kommt. Ueli Maurer hat „kä Luscht“ auf Wirtschaftshilfe und phantasiert von einem „Schuldenberg, der ist so hoch, dass er schneesicher ist.“ Der zuständige Wirtschaftsminister Guy Parmelin scheint immer noch in den Sommerferien zu sein.

November: Die Hilferufe des im Frühling beklatschten Gesundheitspersonals werden eindringlicher. Die bürgerlichen Ohren bleiben taub.

Dezember: Die Ansteckungen gehen weiter. Die Gesundheitskommission des Nationalrats fordert vom Bundesrat, keine weiteren Massnahmen zu ergreifen. Dieselben, die nicht auf Skiferien-Weihnachten in der Grossfamilie verzichten können, wollen, dass Flüchtlinge jahrelang ihre Verwandte im nahen Ausland nicht besuchen dürfen. Die Familie Blocher hat vier Milliarden Franken mehr auf dem Konto als das Jahr zuvor. Caritas Schweiz führte in den vergangenen Monaten doppelt so viele Beratungen mit Armutsbetroffenen durch wie vor der Pandemie.

Januar: Die Menschen, die in den Spitälern, Altersheimen und Pflegezentren arbeiten, sind erschöpft. Sie machen weiter, für uns alle. Wir sehnen uns nach Normalität. Zu viele mit Macht haben sich davon verabschiedet, den steinigen Weg gemeinsam als Gesellschaft zu gehen.

Artikel am 15. Januar 2021 erschienen im PS – die linke Zürcher Zeitung