Global denken, lokal handeln

Es gibt Bücher, die bleiben im Kopf hängen, auch wenn die letzte Seite gelesen ist. Kürzlich las ich ein solches Buch. „Die Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus.“ von Ulrich Brand und Markus Wissen. Ein politisches Sachbuch, das sich lesen lässt wie eine packende Geschichte. Worum es geht? Um die Art, wie wir leben. Darum also, dass unser Leben hier nur auf Kosten von Natur und Mensch anderswo möglich ist. „Krisenexternalisierung“ nennen die Autoren das. Wir lassen unseren Elektroschrott nach Afrika bringen oder unsere Kleider zu Hungerlöhnen nähen. Wir lagern unzumutbares Leid aus.

Diese Erkenntnis ist nicht neu. Wir wissen es und doch leben wir so weiter. Weil sich diese Lebensweise so fest in unseren Alltag eingenistet hat, dass sie als selbstverständlich gilt. Immer wieder führt sie uns jedoch ihre Krisenhaftigkeit vor Augen. Der Umgang mit Flüchtlingen ist Sinnbild dafür. Wir sind uns bewusst, dass Flüchtende etwas zu tun haben mit unseren Smartphones (und der Art, wie die dafür benötigten Rohstoffe abgebaut werden). Wir wissen, dass Konzerne mit Sitz in der Schweiz anderswo Menschenrechte mit Füssen treten und mit ihrer Steuerflucht die lokale Bevölkerung um Milliarden bringen. Geschlossene Grenzen und Ausgrenzung sind denn auch die zynischste Antwort auf den Anspruch von Menschen, am Reichtum teilzuhaben, den sie zwar schaffen, aber von dem sie nichts sehen. Es ist der elende Versuch, die Privilegien zu verteidigen und das eigene Unbehagen auszulagern.

Ein Unbehagen, das auch mich immer wieder beschleicht: Ich fahre kein Auto, aber dafür übermässig Zug. Ich kaufe meist saisonal und lokal, aber auch Fleisch und Fisch. Zwar hängt in meinem Kleiderschrank das eine oder andere fair produzierte T-Shirt, aber es hängen vor allem zu viele Kleider da. Kurz: Mit meinem ökologischen Fussabdruck braucht es mehr als einen Planeten. Und ich verursache Leid, das ich nicht mitansehen (muss). Sich diese politischen Zusammenhänge bewusst zu werden, sie zu analysieren und zu thematisieren, ist ein wesentlicher Schritt für Veränderung. Nur so können Alternativen überhaupt diskutiert und politisch mehrheitsfähig gemacht werden. Diese gibt es. Sie sind immer anti-kapitalistisch und demokratisch, denn die imperiale Lebensweise lebt ja genau davon, dass die einen auf Kosten von anderen mehr Rechte und Reichtum haben.

Deswegen reicht es eben auch nicht, einfach individuell weniger zu fliegen oder ein bisschen Geld zu spenden. Es braucht unser politisches Engagement für ein gutes Leben für alle. Das bedeutet, sich mit den Mächtigen anzulegen. Und das heisst auch, irgendwann einen Anfang zu wagen. Möglichkeiten gibt es genug. Wir können demokratische Wirtschaftsformen unterstützen, gesellschaftliche Teilhabe für alle ermöglichen, genossenschaftliche Wohnungen fördern oder Velowege anstatt Autostrassen bauen. Global denken, lokal handeln.

Text erschienen auf Wandzeitung am 26. Januar 2018 

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